Mai 2026

Kapitalismus pur

Gerlinde Strasdeit, Linke-Fraktion im Gemeinderat
Gerlinde Strasdeit, Linke-Fraktion im Gemeinderat

Goldgräberstimmung war gestern. Zig Millionen öffentlicher Fördergelder, die in den letzten Jahren in die Biotechnologie und mRNA-Forschung geflossen sind, waren nie an staatliche, landesweite oder kommunale Bedingungen geknüpft. Das ist der entscheidende Webfehler. In Tübingen macht Curevac 2027 dicht. Es bleibt bei der Entscheidung: 700 Beschäftigte des Biontech-Konzerns stehen auf der Straße.

Wie Müll würde Biontech die Arbeitsplätze entsorgen, kritisiert der ehemalige Curevac-Chef die Konzernentscheidung. So funktioniert Kapitalismus pur: Profite und Rentabilität entscheiden darüber, wo es hingeht. Da gibt es kein Mitspracherecht für Betriebsräte und keine Verantwortung des Unternehmens für die Folgen. Daran ändern auch die Gespräche zwischen dem Oberbürgermeister, dem Ministerpräsidenten, der Universität und Biontech über neue mögliche Ausgründungen nichts.

Der Tübinger Gemeinderat hat mit den Stimmen der Linken und allen anderen Fraktionen eine Resolution unterschrieben, den Standort Curevac zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern. Die erreichten wissenschaftlichen und industriellen Leistungen sollten nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Kahlschlag mit System
Sozialer Kahlschlag hat System. Die Kürzungen bei Bildung und Gesundheit sind keine Boshaftigkeit, sagt der Bundeskanzler. Die Notlage der Kommunen ist von oben verordnet. Zuerst sichert die Bundesregierung Investitionen in die militärische Hochrüstung, und zwar in unbegrenzter Höhe. Dann geht es um die Mobilisierung für die Aufstockung der Wehrpflicht und erst zum Schluss fallen Brosamen für bezahlbaren Wohnraum ab. Wir wollen das vom Kopf auf die Füße stellen.

Laut einem neuen Unicef-Vergleich zum Kindeswohl in Industrieländern liegt die Bundesrepublik nur auf Platz 25 von 37. Die Armut in einkommensschwachen Familien wächst und Kinder haben entsprechend weniger Bildungschancen – etwa bei Kitas, Schulbegleitung und Integrationsangeboten. Der Paritätische Verband berichtet von einer Streichliste des Bundes für die Kinder- und Jugendhilfe. Den Kommunen in Not stehen Macht und Reichtum weniger Superreichen gegenüber. Deshalb braucht es dringend Widerständigkeit von unten und ein gesellschaftliches Bündnis mit Gewerkschaften, Kommunen und sozialen Bewegungen.

Nein zum Sozialkahlschlag

Andreas Linder; Kreisrat
Andreas Linder; Kreisrat

Kommt jetzt der Geldsegen aus Berlin über den Landkreis? Auf den ersten Blick sieht es so aus. Grund zum Euphorischwerden gibt es aber nicht. Die 47 Millionen Euro, die der Kreis aus dem „Sondervermögen“ des Bundes erhalten wird, werden nützlich sein, aber auch bald hier und da versickert sein. Gut ist, dass der Landrat (schlanke) 5 Millionen aus diesem Topf in den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus investieren möchte. Gerne sollten noch mehr Euros in die Kreisbau fließen. Manch andere geplante Investition erscheint dagegen mehr „nice to have“.

Und ein Schuss Wasser in den Wein muss sein, denn ganz grundsätzlich ist dieses „Sondervermögen“ vor allem Schuldenmacherei zum Zweck der Ankurbelung der Kriegswirtschaft. Genau deswegen wird überall sonst Politik mit dem Rotstift gemacht. Davon betroffen ist in erster Linie das, was mal Sozialstaat genannt wurde. Bürgergeld, Renten, „Asylwende“ – überall soll denen weggenommen werden, die Solidarität brauchen. Ein kürzlich erschienenes Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Verbänden enthüllte geplante massive Kürzungen von mindestens 8,6 Milliarden bei der Familienhilfe, der Eingliederungshilfe und der Jugendhilfe. Und warum das alles? Weil das Land „kriegstüchtig“ werden soll. Der einzige Etatposten, der steigt, ist die „Verteidigung“. Bereits für 2026 sind Militärausgaben von 125 Mrd. Euro geplant – zum Vergleich 2021: 52,4 Mrd. Und mit ähnlichen Steigerungsraten soll es weitergehen.

Auf der Ebene des Landkreises bedeutet das: Nichts erscheint wichtiger als möglichst umfangreiche Kürzungen im Sozialbereich, vor allem bei der Eingliederungshilfe. Im Bereich der Jugendhilfe wird laut über die Einstellung der Förderung wichtiger Jugendhilfs-Projekte von freien Trägern nachgedacht.

Die Vereine und Organisationen, die vom Landkreis bisher „Freiwilligkeitsleistungen“ für vielfältige soziale, ökologische und kulturelle Projekte erhielten, wurden im Vorfeld der neuen Antragsrunde von der Verwaltung darauf hingewiesen, dass geplant sei, pauschal 20 Prozent zu kürzen.

Statt solcher Rasenmäher-Politik fordern wir Linke, dass jeder Antrag unvoreingenommen geprüft wird. Die Vereine und freien Träger leisten eine wichtige Arbeit für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir sind gegen einen Kahlschlag dieser Leistungen, denn das gefährdet die Existenz dieser Angebote und kann weitaus höhere Folgekosten haben.

Andreas Linder; Kreisrat